Kultur & Wein

das beschauliche Magazin

LA TRAVIATA ist im digitalen Zeitalter angekommen



Ein It-Girl anstelle der Kameliendame   


Violetta ist Influencerin. Ihre Attraktivität hat sie in den Dienst eines Parfüms gestellt. Automatisch ist sie stets Mittelpunkt der Pariser Gesellschaft, der Glanzpunkt elitärer Events und eher nebenbei Bettgenossin eines stinkreichen Barons. Im Grund unterscheidet sich diese Gestalt unserer Regenbogenpresse nur geringfügig von der Kurtisane, die Alexandre Dumas in seiner „La dame aux camélias“ beschreibt und die Giuseppe Verdi zu „La traviata“ inspiriert hat.   Francesco Maria Piave hat das Libretto verfasst und der Komponist schuf dazu eine Musik, die wahrhaft ohrgängig ist und nahezu bei jeder Melodie im Publikum ein erfreutes Aha-Erlebnis zeitigt. Der junge Regisseur Simon Stone hat das aktuelle Potential dieser Handlung erkannt und für die Wiener Staatsoper (in Koproduktion mit der Opéra national de Paris) eine geniale Mischung aus klassischem Opernitalienisch des 19. Jahrhunderts und den auf wenige Wörter verkürzten Kauderwelsch eines Handychats erschaffen.    

Das Verbindungsglied ist eine Bühne, die sich außer einigen Requisiten auf Projektionen beschränkt. Zu erleben war die Premiere am 7. März 2021 wieder einmal per Videostream aus der Staatsoper. Ob man dabei das Live-Erlebnis vermisst? Schwer zu sagen. Am Bildschirm sitzt man nahe am Geschehen, eine raffinierte Kameraführung bringt Details ins Bild, die man so vom Parterre aus nicht wahrnehmen würde, und, vorausgesetzt die Lautsprecher haben entsprechende Qualität, büßen auch Gesang und Orchestermusik nur wenig von der Qualität des direkten Hörens ein.

 
Juan Diego Flórez (Alfredo) © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Zwischen den Videowalls, auf denen Whatsapp-Nachrichten, Hintergrundinfos und online-Ads laufen, bleibt viel Platz für das Ensemble, das scheinbar nur zu feiern braucht. Freilich sind die Chorszenen, angefangen von den Partygästen zu Beginn bis zum Life Ball im zweiten Akt und den Masken des Bacchanals im dritten anspruchsvoll genug, um den Choristen für ihr wackeres Wirken Hochachtung auszusprechen. In den Nebenrollen fällt unter anderen der junge Bariton Erik Van Heyningen auf. Er verleiht klangvoll dem Marquis von Obigny die zweifelhafte Würde eines Society-Adabeis. Donna Ellen als Annina ist dagegen geschickt unscheinbar, eben die diskrete Dienerin einer auffälligen Herrin. Mit einer Violetta in der Person von Pretty Yende hat sie ohnehin alle Hände voll zu tun. Die Dame ist schön und umschwärmt, stets mit dem Handy beschäftigt, außer sie nippt gerade am Champagner oder muss ihre Verehrer abwimmeln. Nebenbei agiert Frau Yende mit zu Tränen rührender Intensität und singt umwerfend schön, ein Sopran mit feinmetallischem Klang, der dem Zuhörer direkt ins Herz geht. Sie und Juan Diego Flórez als Alfredo wären tatsächlich ein Traumpaar, wäre da nicht der Bariton Igor Golovatenko, der in der Rolle des Vaters Germont in einer Liaison der beiden ein Problem entdeckt und damit die Tragödie auslöst. So ganz will man ihm das Mitgefühl nicht abnehmen, als er gegen Ende Reue zeigt. Emotionen sind offenbar seine Sache nicht. Sein Sohn ist dagegen ein anderes Kaliber. Mit seinem Schmelz hat sein Alfredo nicht nur Violetta in sich verliebt gemacht. Man will ihm zuhören und zuhören und zuhören. Ein Tenor, der solch bittere Tränen vergießen kann, ist schlicht gesagt eine Idealbesetzung. Es gibt Italianità auf ganzer Linie, getragen vom Orchester der Staatsoper unter der Leitung von Giacomo Sagripanti , der es sogar geschafft hat, die Streicher vom Wiener Walzer auf einen glatten Dreiertakt im Sinne von Verdi einzuschwören. Was gefehlt hat, war der Applaus, aber irgendwann wird es wieder ein volles Haus geben, das Klatschen und begeisterte Bravorufe lautstark nachholen wird.


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