Kultur & Wein

das beschauliche Magazin

Die Wiener Ecke des Kunstuniversums JOSEPH BEUYS


Kurator Harald Krejci und Dirkeotrin Stella Rollig beim Baumpflanzen © Kultur & Wein

Die „Bewaldung“ des Belvedere 21 zum Hunderter


1983 war ein „Baumbüro“ gedacht und an die Bewaldung des heutigen MuseumsQuartiers. Es sollte die Fortsetzung der Aktion „7000 Eichen“ im Rahmen der documenta 7 in Kassel unter dem Motto „Stadtverwaldung“ statt „Stadtverwaltung“ in Wien fortsetzen. Deren Initiator erlebte die Pflanzung des letzten Baumes 1987 nicht mehr, Joseph Beuys starb am 23. Jänner 1986. Als Verbeugung vor dem Jahrhundertkünstler wurde nun am 3. März 2021 im Garten des Belvedere 21 eine Eiche gesetzt, als postumes Geschenk zum 100sten Geburtstag. Die Ausstellung dazu bietet bis 13. Juni 2021 eine Expedition durch das Werk von JOSEPH BEUYS mit den Begriffen „Denken. Handeln. Vermitteln.“ als Wegweiser für die Besucher, die sich bis heute teils ratlos mit überschießenden Ideen und herausfordernden Fragen konfrontiert sehen. Kurator Harald Krejci war sich dieses Problems bewusst und er hat es geschafft, die Gedanken hinter den provozierenden Äußerungen dieses radikalen Weiterdenkers der Kunst sowohl Beuys-Experten als auch Skeptikern schmackhaft zu machen. Die Dramaturgie beginnt bereits mit der Wandfarbe Gelb. Sie erinnert an den Honig, einem zentralen Medium in etlichen Aktionen, und chanchiert von hellzitronig bis bernsteinfarben, je nachdem das Tageslicht durch die Glaswände einfällt und die Stimmung der Kulisse bestimmt. Neonlicht ist ausgeschlossen. Lediglich kleine Spots heben einzelne Objekte hervor oder schaffen in den eigens errichteten Räumen Sichtbarkeit.

 
Joseph Beuys, Honigpumpe © Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Zum ersten Wienaufenthalt von Joseph Beuys gelangt man vorbei am Filzanzug und an einem Video aus 1974. In „I Like America and America Likes Me“ befindet sich der Künstler mit einem Kojoten allein in einem Galerieraum. Ein Tier war wie in vielen anderen Fällen auch hier sein erster Kontakt zur Neuen Welt. Eines seiner wichtigsten Anliegen waren die Ökologie, das Aufmerksammachen auf die Natur. Nicht zuletzt stand dafür Rudolf Steiner, Gründer der Anthroposophie, Pate. Dessen Philosophie lag auch 1967 in Wien, in der Galerie nächst St. Stephan, der Aktion „Eurasienstab 82 min fluxorum organum“ zugrunde, deren religiöser und ritueller Hintergrund mit damals ausgestellten Graphiken und dem mystischen „Eurasienstab“ illustriert wird. Die nächsten Kontakte zu Wien knüpfte Oswald Oberhuber, Professor an der Hochschule für angewandte Kunst. Beuys war 1972 von der Kunstakademie Düsseldorf aufgrund seiner nicht in gängige Schemen passenden Ansichten entlassen worden und hätte nun eine neue Lehrstelle erhalten sollen. Daraus wurde zwar nichts, aber Joseph Beuys durfte sich wie schon in den 1960er-Jahren in der Wiener Kunstszene aufgenommen fühlen.

 
Joseph Beuys, Hirschkuh / Dreibein frisst Gras, 1979 © Pixelstorm, Wien / Bildrecht, Wien 2021

Immer wieder taucht in seiner Arbeit auch der Schlitten auf. Beuys war – nicht zuletzt durch eigene traumatische Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg – überzeugt, dass man nur mit „gleitbaren Instrumenten“ im Falle einer Katastrophe an den Verunglückten herankommen könne. Nachdem ihm offenbar zeitlebens die Welt als einziges großes Desaster erschienen war, stieg die Rodel, stets ausgestattet mit Filzdecke, einem Stück Fett und einer Stablampe, zur Metapher der Errettung aus Notlagen auf. Ähnlich verhält es sich mit dem Honig. 1977 erregte die „Honigpumpe am Arbeitsplatz“ auf der documenta 6 in Kassel Aufsehen. Die Teile der umfangreichen Installation, die aufgebaut ein geschlossenes Kreiskaufsystem bildet, sind in säuberlich angeordneter Präsentation neben dem „Basisraum nasse Wäsche“ aus 1979 oder dem toten Hasen beim „Wegweiser für den Khan“ (1963) zweifellos eines der Highlights dieser Ausstellung, die mit abreißbaren Infoblättern an den einzelnen Stationen und einem ausführlichen Katalog das Universum eines ins Unendliche erweiterten Kunstbegriffs nachvollziehbar macht.




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