Kultur & Wein

das beschauliche Magazin

I WER´ NARRISCH! Vom Urschrei und vielen weiteren Siegen


Fahrrad von Roland Königshofer, Steher-Weltmeister © Kultur & Wein

Eine Wanderung in fünf Kapiteln durch das Jahrhundert des Sports in Österreich


Im Fußball gibt es eher selten Grund zum Jubel, vor allem nicht gegen unseren Lieblingsgegner Deutschland. Damit outet sich der in unserem kleinen Land wie eine Heldenlegende tradierte Aufschrei des Radioreporters Edi Finger anlässlich eines Krankltores in Córdoba vor nun gut 43 Jahren als trauriges Eingeständnis, dass es uns äußerst selten gelingt, die Deutschen auf dem grünen Rasen zu schlagen. Trotzdem sind wir stolz auf diese Sensation, vielleicht noch mehr als auf den legendären Abfahrtssieg von Franz Klammer bei den olympischen Winterspielen zwei Jahre davor. Schließlich ist eine Goldene im Schisport kaum als Überraschung zu werten. Sollte es jemand nicht wissen, aber es gibt noch weit mehr als diese beiden Sportarten, in denen Österreicher erfolgreich waren. Damit wird die Sonderausstellung im Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich zu einer Leistungsschau des hiesigen Sportgeschehens. Das ohrgängige „I wer´ narrisch!“ (bis 9. Jänner 2022) steht als anziehendes Motto über dieser Betrachtung eines sportlichen Jahrhunderts. Es gibt viel zu erzählen und zu zeigen, vor allem aber auch eine Menge zu erklären. Auf kleinem Raum (650 Quadratmeter) drängen sich immerhin 243 Objekte, ergänzt mit Texten, Videos und Hörstationen, denen am Schluss sogar die unverblümte Zumuting, selbst sportlich tätig zu werden, folgt.


 

Goldmedaille von Franz Klammer © Daniel Hinterramskogler

Neben anderen Niederösterreichern sind Skistar Michaela Dorfmeister und Leistungsschwimmer Andreas Onea Ausstellungsbotschafter. Die Namen all derer stehen für den Willen zum Erfolg, wenn auch der in Lilienfeld geborene Toni Pfeffer mit dem Ausspruch „Hoch wer´ mas nimma gwinnen...“  in der Halbzeit beim 0:9 gegen Spanien zur Ikone resignativen Humors geworden ist. Die Besucher begegnen ihnen oder zumindest einer ihrer Trophäen in den fünf Stationen, mit denen die Ausstellung strukturiert wurde. Es beginnt mit „Körper in Form“, das wechselnde Körper- und Fitnessideale von den 1920er-Jahren bis zur Gegenwart thematisiert. Einen launig kritischen Blick haben Karikaturisten wie Manfred Deix und Gerhard Haderer auf den Gegensatz zwischen Sein und Wollen geworfen. „Höher, schneller, weiter“ ist man mit Schwimmanzügen wie dem von Markus Rogan, dem Rennrad von Max Bulla oder dem Medikamentenkoffer des Radsportlers Alfred Kain gekommen. Vereine und Verbände waren es stets, die festlegten: „Wer gehört dazu?“. So mussten jüdische Athleten den seit dem 19. Jahrhundert gültigen „Arierparagaphen“ umgehen, indem sie ihren eigenen Sportverein Hakoah gründeten. Dessen Mitglieder mussten 1938 flüchten. Einige der Vertriebenen kehrten wieder zurück, wie Emanuel Schwarz, Präsident des Wiener Fußballklubs –Austria und Vizepräsident des Wiener Fußball Verbandes. Sport braucht nicht nur Training, sondern auch Inszenierung. „Bühnen des Sports“ lassen in die Jahre gekommene Rapidfans nostalgisch werden, wenn sie vor der Sitzbank von der Pfarrwiese stehen, oder begeisterte Formel 1 Zuschauer vor Memorabilia eines Jochen Rindt. Mit dem Radio konnten seit 1928 Fußballspiele oder andere Sportevents live übertragen werden. Unter dem Gemälde „Das Wunderteam“ von Paul Meissner überschlägt sich die Stimme eines Radioreporters in den 1930er-Jahren oder es ertönt beim Griff zum richtigen Hörer der Urschrei „Tor, Toor! Tooor! usw.!“, was einen von spektakulären Großaufnahmen im TV verwöhnten Zuschauer nur den Kopf schütteln lässt, weil ihm auf seiner Couch das Geschehen „In Ton und Bild“ beinahe so unmittelbar geliefert wird, als würde er selbst in der Startmaschine kauern, um beim Befehl „Auf die Plätze. Fertig? Los!“ zum Kühlschrank ums nächste Bier zu starten.


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